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Vouvray

Weißwein der Könige

Nur eine einzige Rebsorte und dennoch ganz unterschiedliche Weinstile? -  In Vouvray, einer der ältesten französischen Appellationen, gelingt dieses Kunststück. Hier werden aus der spätreifenden Rebsorte Chenin blanc Schaumweine, trockene mineralische Weißweine, saftige Off-dry-Weine und vor sinnlicher Opulenz überbordende Süßweine produziert. Sie gehören zu den langlebigsten Weißen Frankreichs, die noch nach Jahrzehnten im Keller an Finesse und Komplexität gewinnen. Um die verbindende Gemeinsamkeit dieser unterschiedlichen Weinstile zu benennen, könnten wir auf das ausgeprägte Säuregerüst, ihre Dichte oder Komplexität verweisen. Wir aber möchten ein anderes verbindendes Charakteristikum dieser Weine hervorheben: Sie sind schlichtweg Weltklasse!

 

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Östlich von Tours, in der Appellation Vouvray am rechten Loireufer, produzieren rund 150 Winzer auf etwas mehr als 2.000 Hektar Rebfläche Wein. Hier im Herzen der Touraine ringen atlantische und kontinentale Einflüsse um die klimatische Oberhand. Entsprechend unterschiedlich fallen die Jahrgangsdifferenzen der Weine aus. Und in den kühleren Jahren, wenn der Zuckergehalt in den Trauben geringer ausfällt, nimmt die Menge an produzierten Schaumwein zu, die in durchschnittlichen Jahren rund 40 Prozent der Gesamtproduktion beträgt.

Diese unter der Appellationsbezeichnung Vouvray Mousseux angebotenen Schaumweine haben ein beachtliches Alterungspotential. Sie werden nach der traditionellen Methode hergestellt und müssen nach der Flaschengärung mindestens zwölf Monate auf der Hefe reifen, bevor sie degorgiert werden und in den Handel kommen. Aber viele Produzenten lassen ihre saftigen Schaumweine mit honigfeinem Profil weitaus länger vor dem Dégorgieren auf der Hefe.

 

Tuffeau - zur Geologie von Vouvray

Optimale Voraussetzungen dafür finden die Weine in den zahlreichen Höhlen von Vouvray, die bereits seit römischen Zeiten in den porösen Tuffeaustein gegraben wurden. Die Temperaturen in den Höhlen betragen nämlich ganzjährig konstante 12°C bei einer sehr hohen Luftfeuchtigkeit. Wobei die Höhlen ursprünglich nicht etwa zum Reifen von Wein, sondern als Behausung und zur Gewinnung von Baumaterial gegraben wurden. Die so abgetragenen Tuffeausteine wurden für den Bau von Häusern, Kirchen, Weinbergsmauern und nicht zuletzt für die zahlreichen Loire-Schlösser verwendet.

Entstanden ist der besagte Tuffeau vor rund 90 Millionen Jahren durch die Sedimentation von Fossilien. Er bildet in Vouvray einen Kalksteinsockel, der Richtung Norden leicht abfällt und von einer zunehmend dickeren Schicht aus verschiedenen Sedimenten und Oberböden aeolischen Ursprungs, mit Sand, Kies und Lehm mit Feuersteineinschlüssen bedeckt wird. An der Südkante des Plateaus aber, oberhalb des Städtchens Vouvray, kommt der Kreidetuff ans Tageslicht. Hier finden sich mit dem Clos Naudin, Clos du Petit Mont, Clos du Bourg und dem Clos de Rougement die nahmhaftesten Lagen der Appellation. Und unter ihnen befinden sich die in den Tuffeau gegrabenen Höhlen, in denen die Weine reifen.

 

Weine aus Taft – eine kurze Geschichte von Vouvray

Bereits seit dem 13. Jahrhundert ist der Südrand des Plateaus mit Chenin blanc-Reben bestockt. Der straffe Körper der Weine und ihr seidiges Mundgefühl veranlassten François Rabelais, sie in seinem satirischen Werk Gargantua und Pantagruel (1533) als Vins de Taffetas zu preisen – als Weine also, die den haptischen Eindruck erwecken, sie seien aus edlem Seidentaft gewoben.

Und so verwundert es kaum, dass sich die Weißen aus Vouvray auf den Tafeln des französischen Adels wiederfanden, als sich dieser im 16. Jahrhundert bevorzugt in der Touraine aufhielt. Die besten Vouvrays aber waren für den französischen König bestimmt.

Aufgrund der verkehrsgünstigen Lage und der Möglichkeit, die Weine über den Hafen von Nantes zu verschiffen, vertrieben holländische Händler ab dem 17. Jahrhundert die Weine in ganz Europa. Vor 100 Jahren gehörten sie zu den gesuchtesten und kostspieligsten Weißen der Welt. Und im Jahr 1936 wurde Vouvray als einem der ersten französischen Weinbaugebiete der Status einer Appellation d'Origine Contrôlée zuerkannt.

 

Sec, Demi-Sec, Moelleux – die Stilistiken von Vouvray

Der Tuffeausteinsockel von Vouvray wird von der Loire, sowie der von Norden kommenden Brenne und ihren Nebenflüssen durchschnitten, was zu einer Vielzahl unterschiedlicher Mesoklimata führt. Nicht grundlos werden in Vouvray 615 verschiedene Clos (von einer Mauer umfriedete Weinberge) und lieux-dits (kleine, geographische abgegrenzte Lagen mit traditionell überkommenen Namen) unterschieden.

Hinzu kommen die unterschiedlichen Bodenformationen, die den Charakter der Weine prägen. So wird den Weinen von tonhaltigen Oberböden nachgesagt, dass sie besonders weich gerieten, während die Weine von Oberböden mit Feuersteineinschlüssen ausgeprägtere rauchige Noten darböten und die von Kalksteinböden salziger ausfielen.

Neben dem Alter der Rebstöcke und der handwerklichen Könnerschaft des Winzers ist der Lesezeitpunkt für den Charakter der Weine maßgeblich. Nirgendwo in Frankreich werden Trauben später gelesen als in Vouvray - oftmals erst im November.

Als erstes steht die Ernte der Trauben für die Schaumweine und die trockenen Stillweine (Vouvray Sec) an. Letzte versprühen für gewöhnlich Anklänge an Birne und Zitrusfrüchte, Nelken und florale Aromen wie Akazienblüte und Rosenblätter. Das Lagerpotential dieser Weine beträgt für gewöhnlich zehn bis 20 Jahre. Mit zunehmender Reife entwickeln sich äußerst aparte Röst-, Rauch- und Honigaromen.

Danach werden die Trauben für die halbtrockenen Weine (als Vouvray Demi-Sec oder mit dem inoffiziellen Zusatz Sec Tendre bezeichnet) gelesen, die jedoch aufgrund der hohen Säurewerte, die die vorhandene Restsüße ausblancieren, trocken anmuten.

Als letztes werden – sofern die Wetterbedingungen es erlauben – die Trauben für die opulenten und verführerisch-sinnlichen Süßweine (Vouvray Moelleux) gelesen. Wobei die Lese für gewöhnlich in mehreren Durchgängen (sogenannten tries) stattfindet, damit nur perfekt ausgereiftes Lesegut auf die Kelter kommt. In einigen, besonders trockenen Jahren findet eine Passerillage statt, bei der die Beeren am Rebstock zu rosinieren beginnen, wodurch die Zuckerkonzentration in den Beeren ansteigt.  Für gewöhnlich aber sorgen die nebeligen Herbstvormittage dafür, dass die Trauben vom Botrytis cinerea-Pilz befallen werden.

Dieser perforiert die Beerenhäute, wodurch das Wasser in den Beeren langsam entweichen kann und die Zuckerkonzentration zunimmt. Gleichzeitig kommt es zu einer Konzentrationszunahme der Säure in den Beeren. Und da Zucker und Säure die Ingredienzen für besonders langlebige Weine sind, können diese Weine für gewöhnlich problemlos ein halbes Jahrhundert reifen. Dabei entwickeln sie neben den anfänglichen Aromen von Zitrusfrüchten, Birne und exotischen Früchten Anklänge an geröstete Mandeln, Honig, Quitte und Gewürze. Oder einfacher formuliert: Sie sind schlichtweg Weltklasse!