Menetou-Salon
Eine ernst zu nehmende Alternative zu Sancerre und Pouilly-Fumé
Die gleichen Rebsorten, vergleichbare Böden, ein ähnliches Klima - worin aber bestehen die Unterschiede zwischen der weit berühmteren Appellation Sancerre und der westlich daran angrenzenden Appellation Menetou-Salon? Und wer könnte dies besser beantworten als ein waschechter Monestrosalonien, wie die Bewohner von Menetou-Salon heißen? Und so fragen wir einfach Philippe Gilbert, einer der besten Winzer und der erste Biodynamiker der Appellation, nach den Unterschieden: „Zunächst: ein Winzer von hier hat wirklich nicht viel mit einem Sancerrois gemeinsam. Sag das aber nicht den Jungs aus Chavignol.“ - Machen wir natürlich nicht…
Die Appellation Menetou-Salon liegt in der Region Centre auf einem rund vier Kilometer breiten Streifen, der sich über 25 Kilometer nördlich der Stadt Bourges in nordöstlicher Richtung bis an die Grenzen der Appellation Sancerre zieht. Das Klima ist semikontinental mit ganzjährigen, gleichmäßigen Niederschlägen. Die Loire fließt 15 Kilometer vom östlichsten Zipfel der Appellation entfernt und mildert die Hitze des Sommers, wie auch die Kälte des Winters. Und dennoch zehren Spätfröste im Frühling stets von Neuem an den Nerven der Winzer.
Die Weine in Menetou-Salon werden - wie auch im benachbarten Sancerre - sortenrein ausgebaut. Mit aktuell rund 600 Hektar in zehn Gemeinden entspricht die bewirtschaftete Rebfläche ungefähr einem Fünftel der von Sancerre. 70 Prozent sind mit der Rebsorte Sauvignon blanc und 30 Prozent mit Pinot Noir bestockt. Die knapp 100 Domaines der Appellation keltern daraus drei Viertel Weißwein, ein knappes Viertel Rotwein und einen geringen Anteil eleganten Rosé von gerade einmal zwei Prozent.
Die lange Weinbau-Geschichte einer kleinen Appellation
Die erste schriftlich Erwähnung des Weinbaus in Menetou-Salon ist knapp tausend Jahre alt. In ihr ist von einer Schenkung von Weinbergen an die Benediktiner des Kloster Saint-Sulpice-lès-Bourges die Rede. Aber vermutlich wurde bereits vorher Wein in dem Gebiet angebaut. Damit fallen die Ursprünge des Weinbaus in Menetou-Salon ungefähr in die gleiche Zeit wie im benachbarten Sancerre. Und sie sind ebenso eng mit der klösterlichen Weinbautradition verbunden.
Soweit die Gemeinsamkeiten. Worin aber bestehen nun die Unterschiede? – „Diese sind“, erklärt Philippe Gilbert, „minimal aber essentiell“. Und sie betreffen - abgesehen vom gänzlich unterschiedlichen charakterlichen Wesen von Monestrosaliens und Sancerrois‘ - zunächst die geologischen Gegebenheiten.
Die Böden von Menetou-Salon
Im benachbarten Sancerre sorgten tektonische Aufwölbungen und erosive Abtragungen über Jahrmillionen für einen geologischen Flickenteppich aus drei bzw. vier unterschiedliche nebeneinander existierenden Bodentypen, die ganz unterschiedliche Weinstile hervorbringen. In Menetou-Salon hingegen gestaltet sich das geologische Bild weitaus einheitlicher.
Die Appellation Menetou-Salon liegt zwischen 250 und 400 Meter Höhenmetern auf dem sanft gewellten Berry-Plateau, das aus horizontal geschichteten Sedimentgesteinen unterschiedlicher Härte besteht. Weicher Ton und Mergel wechselt sich mit hartem Kalkstein ab. Als sich die Böden des Pariser Beckens vor Millionen Jahren neigten und Erosionsprozesse begannen, ihr zerstörerisches Werk zu verrichten, fraßen sie sich bevorzugt durch die weichen Schichten, während der harte Kalkstein stehen blieb. So entstand die Cuesta: ein langer, nach Osten gerichteter Hang aus Kimmeridgium-Kalk, dahinter gen Westen ein sanft abfallendes Plateau aus jüngerem Portland-Kalkstein.
Es sind diese geologischen und topographischen Gegebenheiten, die die unterschiedlichen Weinstile in Menetou-Salon prägen. Und diese weisen eine weitaus klarere und verständlichere Handschrift auf als die verschiedenen Stilistiken im benachbarten Sancerre.
Klima und Stilistik der Weine von Menetou-Salon
Da an der westlichen Cuesta-Front das Wasser den Hang hinabrinnt, anstatt sich zu stauen, sind die Rebstöcke gezwungen mit ihren Wurzeln tief in den Kimmeridgium-Kalk vorzustoßen – eine ideale Charakterschule für Reben. Aufgrund der östlichen und südöstlichen Exposition der Hänge wird die Taufeuchtigkeit von der Morgensonne getrocknet, was Pilzkrankheiten entgegenwirkt. Hinzu kommt die kühle Nachtluft aus dem Cher-Tal, die die Vegetationsperiode verlängert und die Aromatik fixiert.
Die hier wachsenden Sauvignon blanc-Trauben bringen elegante, straffe Weißweine mit mineralischem Rückgrat hervor, das an feuchte Kieselsteine erinnern mag. Zitruszeste, weiße Johannisbeere und eine zarte Rauchnote charakterisieren diese Weine, die bevorzugt bei kühler Temperatur in Edelstahl ausgebaut werden, um zu vermeiden, dass Holzaromen ihre kalkige Textur überlagern. Bei einem längeren Hefelager von acht bis zehn Monaten geraten die Weine voluminöser und cremiger in der Textur, ohne dass sie dabei ihre Spannung verlören. Die Pinot Noir-Trauben, die hier wachsen ergeben vergleichsweise leichte Rotweine von kühlem Charakter mit roter Frucht (Kirsche, Himbeere, Granatapfel), floralen Noten und feinkörnigem Tannin.
Auf dem Plateau-Rücken der Cuesta mit ihrem Portlandium-Kalkböden reifen die Sauvignon blanc-Trauben weitaus langsamer, was an der kompakteren Struktur der Böden, vor allem aber an der westlichen bis südwestlichen Exposition der Rebgärten liegt, in die erst die Strahlen der späten Mittagssonne fallen. Die Weine geraten schlanker, karger und betören mit betont floralen Noten und einer hellen, fast metallischen Mineralität. Und sie benötigen eine etwas längere Flaschenreife, bis sie sich finden. Um diesen Weinen mehr Fülle zu verleihen, vinifizieren viele Winzer diese Weine zum Teil in gebrauchten Barriquefässern.
Der Hangfuß der Cuesta, wo die Erosion über Jahrmillionen Material abgelagert hat, ist vorrangig mit Pinot-Noir-Reben bestockt. Die Böden aus Kalk- und Tonschutt, vermischt mit den tiefgründigen Oxford-Mergelböden sind tiefer, wasserreicher und physikalisch weicher. Sie speichern mehr Wärme und Feuchtigkeit und geben den Pinots einen üppigeren, runderen und weicheren Charakter als den Rotweinen von der Hangmitte. Ihr Fruchtprofil gerät dunkler (Brombeere, schwarze Kirsche, Pflaume), die Tannine weicher und geschmeidiger. All dies erlaubt bei der Vinifikation einen stärkeren Einsatz von neuem Holz, da die Weine über ausreichend Substanz verfügen, um dieses zu integrieren.
Die Rosés werden zumeist aus Trauben von der Cuesta-Flanke gekeltert. Sie kommen in die Presse, bevor die Farbe vollständig aus den Beerenhäuten gezogen wurde. Daher rührt Ihr lachsfarbener Ton, der eher an einen Provence- Rosé, denn an einen Tavel erinnert. Die Weine geraten frisch und knackig, mit Erdbeer- und Grapefruit-Noten und einem trockenen, langen Abgang.
Diese geologische Homogenität entlang des Berry-Plateaus und seiner Cuesta erlaubt - verglichen mit Sancerre - eine vergleichsweise einfache Orientierung innerhalb der Appellation. Sie ist geradlinig, logisch und leicht lesbar. „Aber“, gibt Philippe Gilbert zu, „sie ist auch ein Nachteil, weil die Hänge sanfter geraten. Wir haben eben keine Monts damnées.“
Noch immer ein Geheimtip
Während aber die Namen der Toplagen in Sancerre - wie beispielsweise Monts damnées oder Cul de Beaujeau - vermutlich nur Weinexperten etwas sagen dürften, können doch die meisten Weinfreunde weltweit etwas mit dem Namen Sancerre anfangen. Und dieser Bekanntheitsgrad rührt vor allem von dem Meer an bereits in ihrer Jugend zugänglichen Weinen von Caillottes-Böden. Dass diese den Weißen von der Cuesta-Front in Menetou-Salon so stark ähneln, sollte doch eigentlich auch deren Reputation befördern - zumal sie zumeist weitaus günstiger sind als die Weine aus Sancerre. Oder etwa nicht? – „Im Gegensatz zu Sancerre haben wir eben nicht die Loire vor der Haustür - weshalb deren Weine früher viel einfacher zu vertreiben waren“, erklärt Philippe Gilbert. „Die Reise der Weine aus Menetou-Salon endete lange Zeit in Bourges. Es war die Generation meiner Großeltern, die sich in den 1960er Jahren als erste auf den Weg nach Paris machte. Und damals war Menetou-Salon, das erst 1959 seinen Appellationsstatus erhielt, noch eine Mini-Appellation. Selbst 1980 waren gerade einmal 100 Hektar bestockt. Und noch immer sind wir eine junge Appellation, die sich erst finden muss.“ – Und wir können nur jedem raten, die Appellation auf diesem Weg zu begleiten.