Jura
Der Hype um die traditionellen Weine einer Region
Das Jura liegt etwas isoliert im äußersten Osten Frankreichs, etwa eine Stunde mit dem Auto vom Burgund entfernt, am Fuße der französischen Alpen auf einem etwa zehn Kilometer breiten und 80 Kilometer langen Streifen aus verschachtelten Hügeln. Lange Zeit hat sich niemand so recht für die Weine der Region interessiert. Wir erinnern uns noch an die Zeiten, als sich die Weine von Domaine de la Tournelle und Domaine Tissot in unserem Ladengeschäft trotz wahnsinnig günstiger Preise einfach nicht verkaufen lassen wollten. Heute ist das Gegenteil der Fall. Um das Jura ist ein regelrechter Hype entstanden, und Kunden sind bereit Höchstpreise zu zahlen.
Warum der Hype um das Jura?
Doch wie lässt sich dieser Wandel erklären? Handelt es sich doch um Weine, die so gar nicht dem heute beliebten Geschmacksbild entsprechen. Das Jura steht beispielhaft für eine unvergleichlich traditionelle Weinkultur, die die Winzer, im Gegensatz zu anderen Weinregionen, nie aufgegeben haben. Hier werden charakterstarke, zeitlose Weine vinifiziert, die eine unglaublich große Vielfalt an Aromen und Texturen bieten. Doch sie haben Ecken und Kanten, sind teils rustikal, ja geradezu wild und definitiv nicht Everybodys Darling. Noch vor wenigen Jahren ließen die meisten Weinliebhaber lieber die Finger davon. Doch mit Aufkommen der Naturweinszene richtete sich der Blick der Weinfreaks auf das Außergewöhnliche. „Zurück zu den Ursprüngen“ lautet das Motto. Und plötzlich ist das kleine Weinbaugebiet so gefragt wie nie.
Obwohl man nicht unerwähnt lassen darf, dass Jura-Weine schon im Mittelalter ihre Fangemeinde hatten und unter anderem am Hofe von König Heinrich IV. regelmäßig serviert wurden. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war die Rebfläche auf 20.000 Hektar angewachsen. Doch dann geriet die Region in eine Krise. Mit dem Bau einer Bahnlinie wurde das Languedoc mit dem Norden Frankreichs verbunden, und insbesondere der wichtige Pariser Markt wurde mit günstigeren Weinen aus dem Süden überschwemmt. Hinzu kamen Rebkrankheiten, die Reblauskrise, die Weltwirtschaftskrise und zwei Weltkriege. Viele Winzer mussten Ihre Weinberge aufgeben. Übrig blieben nur etwa 1500 Hektar Rebfläche.
Böden, Klima und Rebsorten des Jura
Heute werden auf knapp 2000 Hektar Wein angebaut und mehr als die Hälfte der Winzer arbeiten biologisch oder biodynamisch. Weinbauzentrum des Juras ist die Gemeinde Arbois, die seit 1936 den Status einer eigenen Appellation d'Origine Contrôlée besitzt. Die AOC umfasst zwölf Gemeinden. Jedoch darf nur das Nachbardorf Pupillin den eigenen Namen auf dem Etikett angeben.
In Bezug auf Klima und Böden gibt es viele Ähnlichkeiten zum Burgund: Das Klima ist kontinental, jedoch liegen die Weinberge mit 250 bis 450 Metern höher als die des großen Nachbarn. Entsprechend ist es hier merklich kühler. Die teils sehr steilen Lagen sind größtenteils nach Süden exponiert und so sorgt die wärmende Abendsonne für optimale Reife. Die Rebstöcke wachsen entweder auf Tonmergel, was für füllige, kraftvolle Weine mit viel Tiefgang und Intensität sorgt, oder auf Jura-Kalk in den höheren Lagen, der frische, leichtfüßige und lebendige Tropfen hervorbringt.
Noch bis ins 19. Jahrhundert verfügte das Jura über einen einzigartigen Schatz unterschiedlicher, alter Rebsorten. Um die 40 Sorten standen damals in den Weinbergen. Heute sind noch fünf davon zugelassen. Auf 50 Prozent der Fläche wird Chardonnay angebaut - mit steigender Tendenz. Und auch Pinot Noir wird hier seit dem 16. Jahrhundert kultiviert. Doch die eigentlichen Stars der Region sind die autochthonen Rebsorten Poulsard, Trousseau und allen voran Savagnin. Savagnin gehört zu den ältesten Kultur-Rebsorten der Welt und ist in unseren Gefilden als Traminer bekannt.
Die Weine des Jura
Das Jura ist eine Region der Weißweine. Sie machen 80 Prozent der Produktion aus. Die eigentliche Magie, die das Jura so einzigartig macht, spielt sich jedoch im Keller ab. Denn hier gibt es zwei Arten von Weißweinen: „sous voile“ und „ouillé“.
Die „sous voile“ ausgebaute Weine werden in Fässern ausgebaut. Es ist ganz normal, dass im Zuge der Reife ein Teil des Weins verdunstet und um den Wein vor Oxidation zu schützen füllen die Winzer die Fässer normalerweise wieder auf. In diesem Fall aber setzen die Winzer den Wein ganz bewusst dem Sauerstoff aus und füllen die Fässer nicht wieder auf.
Mit der Zeit bildet sich auf dem Wein eine Schicht aus teildurchlässiger Florhefe, die den Wein zum einen vor zu viel Sauerstoff schützt und diesen zudem geschmacklich beeinflusst. Auf diese Weise entstehen Aromen von Walnuss, Haselnuss und Gewürzen. Wohl jedem Weinliebhaber dürfte bei diesem Herstellungsverfahren der Spanische Sherry in den Sinn kommen und das nicht zu Unrecht. Denn das Jura war im 16. und 17. Jahrhundert Teil der Spanischen Niederlande. Und es ist zu vermuten, dass die Sherry-Kultur Andalusiens so ihren Weg in das Jura fand.
Berühmtester Vertreter der oxidativ ausgebauten Weine ist der Vin Jaune. Verwendet werden darf ausschließlich Savagnin. Dank der dicken Traubenschale ist die Rebsorte resistent gegen Fäulnis. Ein entscheidender Vorteil für die Herstellung des „gelben Weins“.
Das Besondere im Vergleich zu anderen sous voile gereiften Weinen ist seine Reifezeit. Genau sechs Jahre und drei Monate bleibt der Wein unter der Florhefe, bevor er in die Clavelin genannten 0,62 Liter-Flaschen abgefüllt wird. Eine willkürliche Flaschengröße, mag man denken. Doch weit gefehlt. Während seiner Fassreife verdunstet von einem Liter Grundwein genau so viel Flüssigkeit, dass 0,62 Liter übrigbleiben. Zudem handelt es sich um ein historisches Flaschenmaß in der spanischen Weinproduktion, sodass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass es die Spanier waren, die die Clavelin ins Jura brachten.
Wie auch immer. Das was sich im Glas präsentiert ist unglaublich: Goldgelb in der Farbe, aromatisch enorm konzentriert, komplex, knochentrocken, markant nussig und mit einem Lagerpotenzial von Jahrzehnten. Zwar wird Vin Jaune auch unter den Appellationen Côtes du Jura, Arbois und L’Etoile produziert, doch die „Grand Cru“-Gemeinde des Vin Jaune ist unbestreitbar Château-Chalon, wo die Savagnin-Trauben in spektakulären Rebanlagen am steilen Felshang auf fast ausschließlich blaugrauen Lias-Böden wachsen. Hier hat auch einer der legendärsten Winzer des Juras seinen Sitz, Laurent Macle, der dafür bekannt ist die besten oxidativen Weine des Weinbaugebiets zu produzieren.
Die zweite Art der Weißweine wird „ouillé“ produziert. Der Flüssigkeitsverlust im Fass wird also wieder aufgefüllt, sodass die Weine ohne größeren Sauerstoffkontakt reifen. Doch selbst diese Weine wollen nicht so recht den verbreiteten Geschmacksvorlieben entsprechen. Vor allem auf den Tonmergel-Böden entstehen Weine mit teils sehr wilden, rauchigen Reduktionsnoten. Und auch hier meint man immer eine gewisse Nussigkeit im Mund zu verspüren. Die Chardonnays sind präzise, mineralisch und frisch. Die Savagnin-Weine präsentieren sich salzig, würzig, rauchig, mineralisch, charakterstark, komplex und eigenwillig mit rassiger, zitrischer Säure, grüner Frucht und viel Struktur.
Die autochthonen roten Rebsorten ergeben zwei relativ unterschiedliche Rotweine, die sich jedoch umso schöner als Cuvée präsentieren. Die Beerenschale des Poulsard ist dünn, was hellfarbene, leichte Weine mit feiner Würze ergibt. Daher stammen die besseren Rotweine von Reben die auf Lehm und tonhaltigen Böden gewachsen sind, die für mehr Komplexität und Fülle im Wein sorgten.
Trousseau ist rustikaler und intensiver mit mehr Struktur. Die Vorteile einer Vermählung dieser Rebsorten liegen auf der Hand. Dennoch bleiben die Roten frisch und leicht mit Alkoholgraden zwischen elf und zwölf Prozent.
Nicht unerwähnt lassen dürfen wir zwei weitere Spezialitäten des Jura. Zum einen den Crémant du Jura, der in traditioneller Flaschengärung aus allen fünf Rebsorten der Region hegestellt werden darf und mit seinen herb-würzigen, rauchigen Aromen zu den besten Schaumweinen Frankreichs gehört.
Und schließlich gibt es da noch den Macvin du Jura. Hierbei handelt es sich um einen Likörwein bei dem Traubenmost mit Marc (Tresterbrand) des Weinguts aufgespritet wird und der anschließend über mindestens 14 Monate im Holzfass ausgebaut wird. Das ursprüngliche Rezept für den Macvin soll aus dem Kloster von Câteau-Chalon stammen. Damals wurde der Wein noch gekocht und mit gewürzen versetzt. Später setzte man dann dem gekochten konzentrierten Traubenmost Tresterbrand hinzu. Den Satus einer eigenen AOC erhielt der Macvin erst im Jahr 1991. Heute wird er in den Farben Weiß, Rot und Rosé aus allen fünf zugelassenen Rebsorten des Jura produziert.