Côte Roannaise
Côte Roannaise
Wer einen Weinatlas aufschlägt und auf der Loire-Karte die Appellation Côte Roannaise sucht, hat im wortwörtlichen Sinne schlechte Karten. Im Großen Weinatlas von Hugh Johnson wird die Loire-Appellation beispielsweise kurz im Beaujolais-Kapitel erwähnt. Tatsächlich liegt das rund 80 Kilometer entfernte Beaujolais weitaus näher als das gut 200 Kilometer entfernte Pouilly Fumé - die nächste Loire-Appellation flussabwärts. Zudem werden auch in der Côte Roannaise vorrangig Rotweine aus Gamay gekeltert. Diese geraten ausgesprochen charaktervoll und distinkt, was nicht zuletzt in der Verwendung eines autochthonen Klons der Rebe gründet. Dennoch entstehen diese Weine weitgehend unter dem Radar der interessierten Weinwelt. Und ob sich daran etwas ändern wird, nachdem der Messwein für das Hochamt zur kürzlichen Wiedereröffnung der Kathedrale Notre-Dame de Paris aus der Côte Roannaise stammte, muss die Zukunft erweisen.
Dabei waren die Weine aus der Côte Roannaise im 19. Jahrhundert beim Pariser Publikum ausgesprochen beliebt. Damals standen noch um die 20.000 Hektar unter Reben. Und obwohl die Weine vergleichsweise hochpreisig waren, wurden davon jährlich 10 Millionen Liter unter dem Namen Vins d’Arnaison nach Paris verkauft. Was sicherlich auch dem Umstand verschuldet war, dass sich mit der Eröffnung des Canal de Briare im Jahr 1642, der die Loire mit der Seine verbindet, der Weintransport in die Kapitale unkompliziert gestaltete. Und wie so häufig in der europäischen Weingeschichte endete auch diese Erfolgsstory damit, dass die Reblaus die Bühne betrat.
Heute werden östlich des Städtchens Roanne, ca. 70 Kilometer nordwestlich von Lyon, auf einem rund 20-Kilometer-langen Streifen noch 220 Hektar von gut 30 Winzern in 14 Gemeinden bewirtschaftet. Die Reben stehen auf den östlich oder südlich exponierten Hängen der Monts de la Madeleine, den nördlichsten Ausläufern des französischen Zentralmassifs in 350 bis 500 Meter Höhe über dem Meeresspiegel – womit sie zu den höchstgelegenen Weingärten Frankreichs gehören.
Das Klima ist gemäßigt kontinental mit warmen, niederschlagsarmen Sommern und kalten, gleichfalls eher trockenen Wintern. Denn die westlichen Ausläufer des Zentralmassifs schützen die Weinberge vor feuchten, atlantischen Luftmassen.
Die sauren und oftmals skelettreichen Böden sind vulkanischen Ursprungs und bestehen größtenteils aus Granit mit sandigen Oberböden. Damit qualifizieren sie sich - wie schon im Beaujolais zu beobachten ist - insbesondere für den Anbau der Rebsorte Gamay. Dennoch verfügen die Rotweine der Côte de Roannaise über einen ausgesprochen eigenständigen Charakter und sind keineswegs Beaujolais zweiter Klasse.
Die Roten der Côte Roannaise
Der eigene Charakter dieser Weine gründet zunächst darin, dass die Roten nicht wie im Beaujolais aus Gamay Noir à Jus Blanc, sondern aus einem autochthonen Gamay-Klon namens Gamay-Saint-Romain gekeltert werden. Rund 95 Prozent der Rebflächen sind mit Rebsorte bestockt. Sie ist ertragsärmer, bildet kleinere Beeren und reift später aus als die Gamay-Variante im Beaujolais.
Der letztgennannte Effekt wird durch die Höhe der Weinbergslagen in der Côte Roannaise und der großen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht zusätzlich verstärkt. Und während die Gamay-Weine im Beaujolais im Kohlensäuremaischungsverfahren produziert werden, werden die teilweise entrappten Beeren in der Côte Roannaise ganz traditionell auf der Maische vergoren.
Die so vinifizierten Weine sind ähnlich leicht und gerbstoffarm wie die Weine aus dem Beaujolais, präsentieren sich aber zumeist mit einer dunkleren Farbe, verfügen über ein helleres Fruchtprofil, geraten frischer und zeigen neben ihrer üppigen Frucht würzig-vegetabile Aromen wie Tapenade, Garrigue-Kräuter- und mineralische Noten.
Rund zwei Drittel der Gesamtproduktion sind Rotweine. Ihre besten Vertreter können problemlos zehn Jahre oder länger reifen.
Hinzu kommen rund zehn Prozent aromatische Roséweine aus Gamay-Saint-Romain die mit ihren Kirsch- und Cassis-Aromen, ihrer Frische und einer mineralischen Spannung überzeugen. Diese Weine bereiten in ihrer Jugend den größten Genuss.
Vin d’Urfé – die Weißen von der Côte Roannaise
Daneben wird auch etwas Weißwein produziert, der jedoch nicht unter der Appellationsbezeichnung Côte Roannaise, sondern als IGP Vin d’Urfé in den Handel kommt. Es ist der Neugier der Winzer verschuldet, dass hier auch ein wenig Chardonnay, Pinot Gris, vor allem aber Viognier und – Loire oblige ! – Chenin blanc angebaut werden. Die Weine sind leicht, frisch, mineralisch und entsprechen am ehesten der klassischen Loire-Typizität. Sie machen rund 15 Prozent der Gesamtproduktion aus. Daneben werden überdies eine kleine Mengen Schaumwein produziert.